Ballettschlule Rosenheim
Unser Ballettblog

Ein-, zwei-, dreimal Aberglauben frisch aus dem Tanzsaal.

Neulich im Unterricht: ich mustere meine Schülerinnen prüfend vom gegenüberliegenden Ende des Raums aus. Eine meiner Schülerinnen steht gedankenverloren an der Ballettstange beim Dehnen.

Arm über dem Kopf, Bein im Spagat mit der obersten Stange verknotet. Mein Blick bleibt in dem Moment an ihr hängen, als sie völlig entspannt … vergnügt zu pfeifen beginnt.

Mein Herz setzt für einen Schlag aus, jähes Entsetzen ergreift mich. Ohne, dass ich mich hätte zurückhalten können, rufe ihr zu, dass Pfeifen im Ballettsaal absolut verboten sei! Sie und mit ihr die versammelte Klasse erstarrt zu Eis und starrt mich völlig perplex an. Was war da passiert?

Die Situation hatte mich urplötzlich in meine Zeit als Profitänzer zurückversetzt. Denn unter uns Bühnenwesen ist Aberglaube weit verbreitet. Dass man auf der Theaterbühne – und in derselben Logik natürlich auch im Tanzsaal – nicht pfeift, weil das Unglück bringt, das war in unseren Ensembles von jeher ehernes, unverbrüchliches, schon fast körperlich spürbares Gesetz.

Ein guter Anlass also, um Ihnen heute einmal von ein, zwei Legenden und Mythen zu erzählen, die unter uns Tänzern von Generation zu Generation weitertradiert werden. Starten wir mit dem Pfeifen.

 

 

Warum darf man im Tanzsaal und auf der Bühne nicht pfeifen?

 

Eine Theorie besagt, dass – als die Bühne in den Anfängen des Theaters noch mit Gaslampen beleuchtet wurde – ein automatisches Pfeifen davor warnte, wenn Gas austrat. Denn das war eine hochgefährliche Situation, die zusätzlich durch die Tatsache verschärft wurde, dass die Theater von damals noch keine professionellen Feuerschutzmaßnahmen hatten und deshalb beim kleinsten Funken in Flammen aufgehen konnten.

Einer leichten Abwandlung dieser Erklärung zufolge erzeugten dieselben Gaslampen ein Pfeifen, wenn ihr Brennstoff zur Neige ging. Die Beleuchter wussten dann immer gleich, welche Lampe sie nachfüllen mussten. Hätten zusätzlich zu leeren Gaslampen auch noch Menschen gepfiffen, so hätte das zu einer Menge Chaos und zu gefährlichen Situationen im Proben- oder Vorstellungsablauf führen können. Auch laut dieser Version ist Pfeifen rund um die Bühne also verpönt.

Neben diesen beiden Varianten gibt es aber auch noch eine weitere, ebenfalls häufig erzählte Legende: In vielen Theatern arbeiteten – den Erzählungen zufolge – nämlich früher Hafenarbeiter, und zwar deshalb, weil diese hemdsärmeligen Gesellen hervorragend mit Seilen zu hantieren wussten. Ihr Know-how konnte man am Theater gut gebrauchen. Die komplizierten Verknotungen und Drapierungen rund um den Schnürboden der Bühne schüttelten sie locker aus dem Handgelenk. Der Volksmund will wissen, dass sie sich beim Arbeiten pfeifend verständigt hatten. Um in ihren anspruchsvollen Arbeitsabläufen also keine gefährliche Verwirrung zu stiften, durfte niemand anderes außer ihnen im Theater pfeifen.

 

Ja nicht auf der Bühne essen!

 

Und sowieso ist auf unseren Bühnen ganz schön viel verboten! Man darf dort zum Beispiel weder den eigenen Mantel, noch den eigenen Hut und auch keinesfalls den eigenen Schmuck tragen. Echte Spiegel oder gar echte Blumen sind absolut tabu, und keinesfalls darf man auf der Bühne essen oder trinken.

Ebenso sind wir Geschöpfe der Bühne fest davon überzeugt, dass man bei der Neueröffnung eines Theaters einen Klumpen Kohle in den Zuschauerraum werfen muss. Und wenn wir auf eine Bühne zurückkommen wollen, dann drehen wir uns während des Schlussapplauses um und küssen den Bühnenboden.

Wir schützen uns so gut wie möglich vor dem „Bösen Blick“ und wir glauben fest daran, dass eine Katze am Theater Glück bringe. Wissen Sie, dass auf der linken Schulter der Teufel sitzt? Ist so. Und den vertreibt man nun mal durch Spucken. Deshalb spucken wir einander vor der Vorstellung dreimal über die linke Schulter, fügen ein „toi, toi, toi!“ hinzu und hoffen, dass niemand mit „danke!“ antwortet. Denn das bringt Unglück! Auf „toi, toi, toi!“ antworten wir zum Beispiel „Hals- und Beinbruch!“ oder „na, wird schon schiefgehen!“, weil bekanntlich stets das Gegenteil des Gewünschten eintrifft. Und nur, wenn unsere Generalprobe vor Fehlern strotzt, sind wir zufrieden. Denn das bedeutet, dass die Premiere ein Erfolg wird!

 

Ja doch. Wir wissen ja, dass wir mit unseren merkwürdigen Ritualen purem Aberglauben huldigen.

 

Aber im selben Moment sind wir uns auch hundertprozentig sicher, dass es grauenhaftes Unglück über uns bringen würde, wenn wir die Tanzgeister gegen uns aufbrächten. Fakt ist, dass ich jedes Mal wieder furchtbar erschrecken werde, wenn jemand im Ballettsaal pfeift. Um die gute, alte Tradition im Allgemeinen und die Theatergeister im Besonderen zu ehren, gebe ich dieses liebgewonnene Wissen mit einem kleinen Zwinkern und mit viel Sympathie für nostalgische Schwärmerei an meine Schülerinnen und Schüler weiter.

Hals und Beinbruch und toi, toi toi, Euer

Roman Linke

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